Vulkankogel

Leseproben aus “Aurora in geheimer Mission”

Eins
Im Zwergenreich

Lautlos ging die große Sonne hinter dem alten Steinbruch unter und färbte die steilen Vulkanfelsen für kurze Zeit in ein ganz besonderes Rot, als wollte sie die Farbe der Lava, die vor 15 Millionen Jahren aus dem Vulkanschlot herausgeschleudert worden war, noch einmal zeigen. Dann schien es, als nähme der Sonnenuntergang alles Licht und Leben mit sich und ließe nur Dunkelheit und Stille zurück. Doch so verlassen, wie dieser Ort nun wirkte, war er in Wirklichkeit nicht. Kaum war der letzte sichtbare Sonnenstrahl verglüht, erwachte der Steinbruch Michelnau plötzlich zum Leben. Als hätten seine Bewohner nur auf diesen Moment gewartet.
Der kleine gelbe Sonnenengel, der von einem behauenen roten Tuffstein am Rand des Abhangs aus das Untergehen der großen Sonne beobachtet hatte, vernahm in seiner Nähe ein Rascheln und Wispern. Was war das? Angestrengt spähte er durch die Dunkelheit und versuchte etwas zu erkennen. Doch die Schatten bewegten sich nicht.
Hier musste der Zwerg wohnen, von dem ihm seine Familie vor vielen Jahren erzählt hatte. Der alte weise Zwerg, der die Kräfte der Natur in Ausgleich zu bringen versuchte. Doch wo war er nur?
Schon wieder raschelte es neben dem Stein des Sonnenengels, doch es war nichts zu sehen.
„Erasmus? Bist du hier, Erasmus?“, rief der Sonnenengel in die Dunkelheit. Schweigen.
„Ist hier jemand, der mir sagen kann, wo ich den Zwerg Erasmus finde?“
Plötzlich erfüllte ein Schimmern den Steinbruch. Aus der Dunkelheit tauchte ein Zwerg auf, der einen weiten rosafarbenen Wollmantel und eine cremefarbene Filzhose trug. Seine langen weißen Haaren und sein ebenso langer Bart leuchteten so mystisch wie das Licht des vollen Mondes.
„Suchst du mich?“
„Ich suche Erasmus den weisen Zwerg.“
„Das bin ich. Und wer bist du?“
„Aurora, Aurora der Sonnenengel aus Hawaii.“
„Und wie kommst du hierher? Was macht ein Sonnenengel aus Hawaii hier in Michelnau am Rande des Vogelsberges?"
„Man hat mir von dir erzählt. Es heißt, dass du dich mit den Elementen auskennst, sie zu beruhigen verstehst.“
„Das erzählt man sich über mich?“
„Ja. Und noch viel mehr.“ Aurora machte eine nachdenkliche Pause und musterte die silberne Spiralkette, die Erasmus um den Hals trug, bevor sie weiter sprach. „Ich kenne mich nur mit dem Feuer aus. Ich habe die Vulkane studiert, die Sonne beobachtet und die Lavaströme bereist. Aber es ist so viel mehr im Ungleichgewicht.“
„Das ist bedeutend mehr, als die Menschen zu verstehen bereit sind.“
„Ich bin hier, weil ich deine Hilfe brauche. Die Zukunft der Menschen steht auf dem Spiel.“ Kaum wahrnehmbar zuckte Erasmus rechte Augenbraue, während Aurora hastig weiter sprach. „Doch nicht nur das Leben der Menschen ist in Gefahr. Ich weiß, dass du mir helfen kannst.“
Erasmus antwortete nicht darauf, sondern deutete auf einen Zwerg, der sich ihnen näherte. Der Zwerg trug einen tannengrünen Mantel und seine Mütze leuchtete in den Farben des Herbstlaubes.
„Das ist Waldemar, der Waldzwerg. Er lebt hier seit vielen hundert Jahren und kann deine Fragen beantworten. Bestimmt hast du einige Fragen an ihn.“
Aurora sah Erasmus erstaunt an. Konnte er ihre Gedanken lesen? Wie viel sie doch von diesem Ort wissen wollte. Sie wusste nur nicht, wo sie beginnen sollte.
..
.

Zwei
Von Trollen und Menschen

„Hast du es schon gehört, Guldur? In Deutschland soll es eine Versammlung der Naturwesen geben. Im Steinbruch Michelnau, am Rande des Vogelsberges.“ Guldur ließ den Stein fallen, den er gerade mühsam über die Hochebene getragen hatte und starrte seine Frau Sigrun verständnislos an. „Eine Versammlung? Warum das denn?“
„Ich weiß es nicht. Ich habe gerade diese Nachricht aufgeschnappt.“
Guldur hob den Felsbrocken erneut auf und setzte seinen Weg über die Hochebene fort. Es wurde Zeit, der Sonnenaufgang nahte und er hatte noch so viel zu tun.
„Und was haben wir davon? Was sollen wir auf einer solchen Versammlung?“, fragte er Sigrun, die Mühe hatte, mit ihm Schritt zu halten.
„Das erfahren wir dort. Es geht um die Menschen und die Rettung der Welt“, antwortete Sigrun.
„Pffff… Die Menschen. Die können mir gestohlen bleiben. Sie mischen sich in alles ein, was sie nichts angeht.“
„Keine Angst, Menschen sind bestimmt nicht eingeladen“, erwiderte Sigrun. „Es ist eine Versammlung des kleinen Volkes.“
„Kleines Volk? Guck mich doch mal an. Bin ich etwa klein?“ Guldur schüttelte nur stumm den Kopf. „Und Angst habe ich bestimmt keine. Die sollten lieber die Menschen vor mir haben. Meine Geduld ist langsam aufgebraucht“, und wie zur Unterstreichung seiner tief im Inneren verankerten Wut auf das Menschenvolk, ließ er den Felsbrocken fallen. Der Boden unter ihm erzitterte und ein zufriedenes Grinsen breitete sich in seinem Gesicht aus. „Wer hat hier Angst?“
Einige hundert Kilometer entfernt blickte der Vulkanologe Igorson auf die heftigen Ausschläge auf seinem Monitor. „Schon wieder ein Erdbeben“, brummte er. „Seit Tagen bebt es in dieser Hochebene.“
„Die Beben waren sicher tektonischen Ursprungs“, winkte sein Kollege, der gerade mit frischem Kaffee den Kontrollraum betreten hatte, ab. „In dem Gebiet deutet nichts auf frische Magmabewegung hin.“
„Du hast sicher Recht. In meinen Nachtschichten hält mich meist nur der Kaffee wach, warum sollte es diesmal anders sein.“


„Aurora, Aurora! Wach auf!“
Aurora öffnete müde die Augen und musste sich einen Moment besinnen. Wo bin ich?
„Die ersten Anmeldungen sind da. Unsere Nachricht hat Naturwesen in Afrika, Amerika und Australien erreicht. Sie haben zugesagt an der Versammlung im Steinbruch teilzunehmen.“
Natürlich. Sie war im Vulkandorf Michelnau, wie die Menschen, die hier lebten, den Ort nannten. Wie konnte sie das vergessen.
„Danke, Erasmus. Wie dollo. Ich hoffe, es kommen Vertreter aus allen Kontinenten. Die Lage ist ernst und wir haben nicht mehr viel Zeit.“
„Mein Onkel aus der Eifel ist bereits auf dem Weg, Aurora. Ich bin mir sicher, dass du von ihm sehr viel erfahren wirst. Ich freue mich, dass wir dich bei deiner Mission unterstützen können.“
„Wann ist es denn soweit? Wann findet das Treffen statt, Erasmus?“ Aurora spürte wie sie trotz der Schwere ihrer Mission von einer Leichtigkeit und Vorfreude erfasst wurde. Sie hatte es geschafft, sie hatte den ersten Teil ihres Auftrages erfüllt. Die Naturwesen würden bald hören, was es zu hören gab.
„Beim nächsten Vollmond, also in 7 Tagen.“
7 Tage… So lange noch. Diese Zeiteinteilung konnte nur von Menschen stammen. Alles mussten sie in Kategorien und Begriffe pressen. Die Zeit, die Wärme, selbst die Geschwindigkeit. Alles mussten sie berechnen, untersuchen und dokumentieren. Aber sie erkannten nicht das Wesentliche in Aufzeichnungen, da sie beim Studieren ihre Herzen verschlossen ließen. Doch wie sollte sie, Aurora, ihnen die Augen öffnen für das, was in ihren Messungen selbst für jeden Babysonnenengel sofort ersichtlich war?
„Hörst du mir eigentlich zu? Aurora?“
„Äh ja, natürlich. Ich freue mich so sehr, dass die Naturwesen auf unseren Aufruf reagieren und bin gespannt, deinen Verwandten kennenzulernen. Ich habe schon viel vom Laacher See in der Eifel gehört.“
„Du wirst Augustus mögen. Doch nun muss ich los, es gibt noch sehr viel vorzubereiten.“


Für die Drachen hatte man auf einer nahegelegenen Waldlichtung eine Landebahn vorbereitet. Da es schon dämmrig wurde, hatten die Waldzwerge die Landebahn mit Fackeln beleuchtet. Sie bestanden darauf, nicht nur diese Aufgabe zu übernehmen, sondern auch den Landeplatz zu bewachen, da sie vor einem unkontrollierbaren Brand Angst hatten. Zu viele Bäume hatten sie in den letzten Jahren durch Stürme, sauren Regen und Menschenhand schon verloren, nun sollte nicht auch noch ein Feuer zum Verlust weiterer Bäume führen.
Ohnehin war es ihnen nicht geheuer, wie viele Feuerwesen der Versammlung beiwohnen würden. Hoffentlich hatte Erasmus dieses Feuerelement in seiner Gewalt. Es war nicht auszudenken, was passieren könnte, wenn es außer Kontrolle geriete. Waldemar hatte schon von furchtbaren Unglücken gehört, die Drachen ausgelöst hatten. Oftmals völlig ungewollt. Ihre unkontrollierte Wut hatte zu Waldbränden geführt, die sein Volk der Waldzwerge bis zum heutigen Tag stark traumatisiert hatte. In jeder Familie wurden seit Generationen diese Geschichten erzählt und Waldemar konnte und wollte sich nicht ausdenken, wie er sich fühlen würde, wenn sein geliebter Heimatwald verbrennen würde.
Erasmus hatte Waldemar in den letzten Tagen zu beruhigen versucht. Er erklärte ihm, dass er die Drachen sehr bedacht ausgesucht hatte und nur Vertreter aus dem Drachenvolk ausgewählt worden waren, die nicht zu Zornausbrüchen neigten, die das Feuerelement gemeistert hatten, es im Gleichgewicht zu halten wussten. Auch die Feuersalamander bräuchte Waldemar nicht zu fürchten, sie würden das Feuerelement nicht unnötig aufheizen.
Außerdem hatte Erasmus Zwerg Nordlicht beauftragt, einen Löschteich im Wald zu errichten, dessen Wasser bei Notfällen sofort von einer Heinzelmännchentruppe für Löscharbeiten verwendet werden würde. Manchmal könnte man auch etwas von den Menschen lernen, erklärte Erasmus. Nur sei es ihm ein Rätsel, warum diese selbst für ihre Löscheinsätze Fahrzeuge entwickeln mussten, die zwar halfen, den Wald vor Feuerwänden zu schützen, doch gleichzeitig durch Gifte und Gase für sein Sterben sorgten.
Waldemar hatte traurig nickend hinzugefügt, dass ihm die Menschen schon immer ein Rätsel gewesen seien. Doch er sei sehr froh, dass es am östlichen Dorfausgang von Michelnau einen von Menschen angelegten Löschteich gab.
Nun also beobachtete Aurora, wie zehn Drachen im Schein von hunderten von Fackeln auf der Lichtung landeten. Ein Bild, das sie in ihrem weiteren Sonnenengelleben sicher nicht mehr vergessen würde. Doch was war das? Da waren kleine Wesen, die auf den Rücken der Drachen herangeflogen kamen.
Zwerg Nordlicht sah Auroras verwundertes Gesicht und zeigte auf eines der drachenreitenden Wesen. „Das ist eine Sylphe. Ich weiß aber nicht, warum sie mit den Drachen anreist.“
„Sylphen? Was sind das für Wesen?“, fragte Aurora. „Ich habe noch nie von ihnen gehört.“
„Das ist nicht weiter schlimm, ich kann dir gerne etwas über diese Naturgeister erzählen, wenn du das möchtest.“
„Natürlich“, antwortete Aurora, „ich kann es kaum erwarten.“
„Die Sylphen sind besondere Luftwesen, die für die Erde und ihre Bewohner eine wichtige Aufgabe haben. Sie sorgen für die Erzeugung der Luft und der Atmosphäre und verteilen die Luftströme um die Welt.“ Nordlicht unterstrich diese Beschreibung mit einer ausladenden Handbewegung, als würde er diese Luftströme sichtbar machen wollen. „Ohne die Sylphen würde den Menschen im wahrsten Sinne des Wortes die Luft zum Atmen fehlen. Bei dieser wichtigen Aufgabe arbeiten sie oft mit den Engeln zusammen. Schaue sie dir einfach mal an und spüre in ihre Energie hinein, Aurora. Dann wirst du noch mehr über sie erfahren.“
Nun wende ich mich mit solch einer wichtigen Mission an die Naturwesen hier und komme mir so unwissend vor, dachte Aurora. Ich habe alles gelernt, was es zu lernen gibt. Über Lavaströme, über Magma, über die verschiedenen Elemente, die durch unsere Welt transportiert werden. Nicht nur das habe ich gelernt, was in unserer Welt darüber bekannt ist. Nein, auch das, was die Menschen über unsere Welt zu wissen meinen. Sie machen alles so schwer. Suchen für alles Begriffe, Namen, Bezeichnungen. Meine Lehrerin Kristalllicht nannte das Schubladen, in die sie alles quetschen. Selbst das Bild, dieses Wort Schublade, hatte sie von den Menschen gelernt. Sie sagte, die Menschen verpacken unsere Welt wie in einen großen Wohnzimmerschrank. In eine Schublade legen sie den Basalt, in eine andere Schublade stopfen sie die Bimssteine. In die Vitrine stellen sie den Onyx und den Obsidian. Wenn die Energie aus unseren Vulkanen noch in der Erde ist, stopfen sie diese in die gut gesicherte Schublade mit dem Schild „Magma“, kommt sie dann in ihre sichtbare Welt, muss sie in das Fach mit dem Namen „Lava“, das sofort kindersicher verschlossen wird.
Was machen sie sich nur für Gedanken? Wofür soll das alles denn nötig sein? Doch was wissen sie wirklich über unsere Welt, über die Kräfte, die wir in ihre Welt gebären? Immerhin wissen sie, dass die Vulkane Leben bringen, dass sie dafür sorgen, dass es Leben auf der Erde gibt. Aber wodurch? Warum? Was ist das Leben, das in diesen Vulkanen schlummert, das das für sie sichtbare Leben bringt?
Darüber machen sie sich keine Gedanken. Dafür haben sie keine Schubladen, keine Kästen, keine Kommoden. Noch nicht einmal einen Namen.
Doch nun komme ich mir so unwissend vor. Die Drachen sind mir natürlich bekannt, ebenso die Zwerge, Kobolde, die Feen. Aber wie viel mehr Naturwesen es noch gibt.
Die Drachen waren inzwischen gelandet und wurden von Zwerg Nordlicht zum Versammlungsort geführt. Es waren für sie Höhlen vorbereitet worden, in denen sie sich von der langen Reise erholen konnten.
Aurora sah Waldemar die Erleichterung an. Die Fackeln hatten gute Dienste geleistet und kein Funkenflug hatte seinem geliebten Wald zerstört. Behutsam löschte er die Feuer und sammelte die Fackeln ein. „Nicht, dass die Kobolde damit Schabernack treiben“, erklärte er Aurora.
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